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Re: Zurück aus Lateinamerika

Verfasst: So 31 Mär 2019 12:18
von Canoe
Wie versprochen noch ein paar allgemeine Bemerkungen zu Fernreisen. Ich beschränke mich hier auf Themen, die für das Fahrzeugkonzept relevant sind.
1. Größe. Es gibt kein "gutes" oder "schlechtes" Vehikel. Wir haben jedes nur denkbare Fahrzeug gesehen, vom Hochrad https://www.pennyfarthingworldtour.com/ (den haben wir in Mexiko getroffen) bis zum gigantischen 6x6 Hightech LKW. Die zahlenmäßig größte Gruppe war mit älteren SUV und Dachzelt oder älteren Vans unterwegs. Und die Meisten hatten Spaß. Fast alle Strecken in Afrika und Lateinamerika hätten wir auch mit einem normalen Kastenwagen etc machen können. Das Wichtigste ist, daß das Auto zuverlässig ist und in Bezug auf Komfort die Erwartungen BEIDER Reisenden halbwegs trifft. Wir haben einige vorzeitige Abbrüche von Reisen erlebt, weil das Auto einfach zu viel Ärger gemacht hat. In Afrika verbringt man die meiste Zeit auch abends im Freien, In den Amerikas nicht. Hier verbrachten wir erstaunlich viel Zeit im Auto, da es regnete, windete oder kalt war oder weil die Umgebung nicht zum draußen Sitzen einlud. Auch die Sanitäranlagen waren häufig grenzwertig oder nicht vorhanden.
2. Es gibt auch in der 3. Welt bestens ausgestattete Werkstätten mit modernen Werkzeugen und Diagnosegeräten. Ein Markenwerkstatt von z. B. Ford oder Mercedes in einer größeren Stadt sieht in Peru oder Namibia genauso aus wie in Deutschland. Auch die Abläufe beim Buchen des Termins oder dem "Einchecken" bis zum Rechnungsformular scheinen international genormt. Problematisch wird es allerdings, wenn man Teile braucht, die es in dem Land nicht gibt, weil es das Fahrzeug nicht gibt oder weil die europäische Variante abweicht (etwa Abgasreinigungsanlagen, Steuergeräte inkl. Software etc.). Natürlich kann man sich Teile per Kurier schicken lassen aber ich habe mehrfach bei Bekannten erlebt, daß es dann Tage und Wochen gedauert hat, die Teile durch den Zoll zu bekommen. Das nervt. Ein besonderes Kapitel sind auch hier Reifen und Stoßdämpfer. Die müssen auf einer längeren Reise ersetzt werden, das ist unvermeidbar. Trotzdem machen sich erstaunlich viele Reisende vor der Reise offenbar keine Gedanken, ob es die in ihrer Größe im Zielgebiet gibt. Da werden spezielle Superfahrwerke eingebaut oder auf die besten Reifen umgerüstet (z.B. Einzelbereifung bei LKW, Sondergrößen bei Geländewagen) und dann gibt es die nicht im Zielgebiet. In ganz Lateinamerika habe ich praktisch keinen einzelbereiften lokalen LKW gesehen. Ich kenne einige Reisende, die sich Reifen oder Spezialdämpfer für viel Geld aus Europa oder USA schicken lassen mußten.
3. Die Größe des Autos ist eine persönliche Entscheidung, die vom Budget und Lebenstil abhängt. Aber man sollte wissen, daß insbesondere in Lateinamerika viele Innenstädte, Dörfer und (bergige) Nebenstraßen sehr eng mit engen Haarnadelkurven sind. Innenstädte haben häufig Einfahrtverbote für LKW. Stromleitungen werden oft auf nur etwa 3 m Höhe zwischen den Häusern gespannt. In Afrika sind viele Nationalparks für Fahrzeuge über 3,5 t ganz oder teilweise gesperrt oder es werden horrende Eintrittspreies ( 200 $ und mehr, pro Tag) verlangt. Auch in der 3. Welt gilt die 3,5 t Grenze, darüber ist man LKW. Allerdings wird da häufig für Womos ein Auge zugedrückt. Ich habe aber trotzdem sicher 10 Mal meine Papiere gezeigt, um zu beweisen, daß ich einen 3,5 t habe. Meist ging es ums Geld (Maut, Eintrittsgebühren etc.). Gewogen hat niemand.
4. Wohnwagen oder Womos gibt es in Nordamerika, Südafrika/Namibia, Australien/NZ und in geringer Stückzahl in Brasilien, Argentinien und Chile. Sonst nicht. Das bedeutet, daß es auch keine Teile oder Know How in Werkstätten gibt. Verwendet wo immer möglich Teile aus dem Hausbau oder dem KfZ Bereich. Baumärkte und Autoteilehändler gibt es überall, Campingteile nicht. Ich werde nie vergessen, wie der Eigner eines Unicat erst einmal in einer stundenlangen Telefokonferenz mit Unicat versucht hat herauszufinden, warum er alle möglichen Störungen in seiner Aufbauelektrik/Elektronik hat und dann 3 Wochen gewartet hat, bis das super integrierte Inverter/Ladegerät/Stromverteilungsmanagementgerät (irgendein Hightech Ding von Victron. war jedenfalls blau) per Luftfracht kam und dann auch durch den Zoll gebracht wurde. In der Zeit hat er sich einen Gaskocher mit lokaler Flasche im Baumarkt gekauft, sein Induktionskocher und seine Kaffeemaschine hatten nämlich keinen Strom. Die ganze Elektrik war auch so komplex, daß er keine Umgehungen bauen konnte. Wir normalen Womobastler haben da auch nur große Augen bekommen und die Finger davon gelassen.
4. Entgegen landläufiger Meinung ist ein Defender zwar cool, in fast allen Ländern aber so exotisch wie ein Ferrari. Es gibt sie in Südafrika/Namibia und ein paar in Australien. Vereinzelt sind noch Uralt Landrover sonstwo unterwegs. Sonst gibt es sie nicht in meßbarer Zahl, damit gibt es auch keine Teile. Die braucht aber nach meinen Beobachtungen ein Defender. Außerdem ist er unbequem und zu eng zum Leben. Landcruiser sind perfekt für Afrika und Australien, die 75/78/79 Typen sind aber nur in wenigen Ländern Amerikas vertreten. Aber wenigstens gehen sie selten kaput.
Gruß Stefan

Re: Zurück aus Lateinamerika

Verfasst: Mo 01 Apr 2019 16:29
von RioPlata
Hola Stefan,

das sind genau die Berichte die Berücksichtigung bei Planung und Ausführung eines Ausbaues finden sollten. Durch Eure gemachten Erfahrungen relativiert sich vieles was ansonsten durch die Forenwelt geistert. Oft geschrieben von Jemandem der von Jemandem gehört hat.

Insbesondere Dein letzter Beitrag ist das Salz in der Suppe für die die Reisen wollen und es auch tun. Nochmals herzlichen Dank.

Saludos cordiales
Evaristo

Re: Zurück aus Lateinamerika

Verfasst: Mo 01 Apr 2019 22:34
von Urs
Hallo Stefan,

Auch von mir ein herzliches Dankeschön für Deine sehr interessanten und kurzweiligen Beiträge. Ich schliesse mich meinen Vorrednern an, das ausbleiben von Fragen hat nichts mit Desinteresse zu tun sondern zeugen vielmehr von fundierten Beiträgen die keine Fragen offen lassen.

Gruss
Urs

Re: Zurück aus Lateinamerika

Verfasst: Mo 01 Apr 2019 22:44
von holger4x4
Heute im WDR hab ich einen Interview gesehen mit einem der seinen noch fast neuen Expeditions-LKW nach Uruguay verschifft hat für 3 Jahre Südamerika und 2 Tage später hinterher fliegen wollte. Das Container-Schiff hat dann im Atlantik Feuer gefangen und ist bekanntlich untergegangen :shock:
Das Erlebnis wünscht man echt keinem! Hoffen wir mal, dass die Versicherung den Schaden begleicht...

Re: Zurück aus Lateinamerika

Verfasst: Di 02 Apr 2019 09:14
von Canoe
Ich kenne den Fall. Das ist schon Der GAU. Auf der Grimaldifähre waren 11 Womos. Darunter eine französische Familie, die mit ihren Kindern schon eine ganze Weile mit knappem Budget unterwegs ist und zuhause alles aufgegeben hatte. Die tun mir wirklich leid. Eine Transportversicherung gibt, wenn überhaupt, nur sehr begrenzt Deckung. Ein klüger Mensch hat mal gesagt "Nimm nichts auf eine Reise, was du nicht entbehren kannst".
Ich hoffe das ist jetzt besser. So viel zu Spracherkennung, vor allem wenn man in mehreren Sprachen arbeitet. Gruß Stefan

Re: Zurück aus Lateinamerika

Verfasst: Di 02 Apr 2019 10:31
von Gode_RE
Canoe hat geschrieben:
Di 02 Apr 2019 09:14
Ich Kennedy den Fall. Das ist schon Dar TAU. Aug dear Grimaldifähre waren 11 Womos.
Ich glaube, Du hast nicht Merkel, dass Deine Diktierfunktion auf unserer Geduld herum Trump. Ist ja auch Erdogan... 8) 8) 8)

Re: Zurück aus Lateinamerika

Verfasst: Di 02 Apr 2019 10:33
von Thomas135
Hallo Stefan,
danke für Deine tollen Erfahrungsberichte!
Ettliche der von Dir angespreochenen Themen kann ich auch aus eigener (europäischer) Erfahrung bestätigen. So etwa Geweichtslimits, leben im Auto bei schlechtem Wetter, aber auch die Kühlschrankthematik bei heißen Temperaturen.
Was mich perönlich interessieren würde, was sind denn die verbreitesten Fahrzeuge in (Süd) Amerika? Aus dem südlichen Afrika kenne ich, außer den alt bekannten Toyota, noch praktisch alle Japaner á la Isuzu, Nissan etc. Und bei meinem letzten NAM Besuch habe ich auch erstuanlich viele Iveco gesehen (wie auch immer die da hin kamen). Aber was nutzt man so auf der anderen Seite des Altlatiks?

Viele Grüße
THOMAS

Re: Zurück aus Lateinamerika

Verfasst: Di 02 Apr 2019 12:12
von Canoe
Hallo Thomas,
Genutzt werden als Pick ups die Toyota Hilux, Nissan Navarra, Isuzu und diverse chinesische Klein pick ups. Amerikanische Full size Pickups sind südlich von Mexiko selten und werden nur als Lifestyle Fahrzeuge genutzt..Es gibt es eigentlich in jedem Land den F 150 und manchmal Ram 1500. Die schwereren nicht, da sie für den kommerziellen Einsatz zu teuer sind. Argentinien hat eigene auf älteren Fords basierende Pick ups. Als Klein LKW gibt es überall den Sprinter allerdings mit Motoren, die auf einer älteren Generation basieren und ohne Allrad. In vielen Ländern werden Iveco und Transit verkauft, scheinen aber nicht sehr populär zu sein. Sonst wie in Afrika die Toyo Hiace, Nissan Urvan und weitere asiatische Klein LKW (Hyundi etc.) ähnlich dem Fuso. Alles Frontlenker. Außer dem Fuso habe ich die noch nicht in Europa gesehen. Der Fuso hat in der 3. Welt offenbar einen anderen Antriebsstrang.
Gruß Stefan

Re: Zurück aus Lateinamerika

Verfasst: Di 02 Apr 2019 20:42
von RioPlata
Hallo Thomas,

als Ergänzung zu Stefan:

Hier bei uns in Paraguay geht als Pickup außer den Vorgenannten auch der Chevrolet S10 4x4 ( als Einzelkabine 1.250 Kg Zuladung ) sowie der VW-Amarok.

Bei den Leicht LKW ist der KIA 2700 4x4 mit 1.500 Kg Zuladung eine interessante Option ( Saugdiesel, 2,7 L, 80 Ps, frißt alles ). Ansonsten ist Hyundai eine weit verbreitete Marke, jedoch kein Allrad.

Auffällig ist, das bei allen angebotenen Leicht LKW – egal welche Marke ( auch Fuso ) bis hin zu 7,5 Tonnen – sowohl die Innenausstattung als auch insbesondere die Sitze vom Beifahrer nicht an gewohnten europäischen Standard reichen. Ich habe z.B. bei meinem Iveco die Beifahrersitzbank raus schmeißen lassen und dafür einen Fahrersitz eingebaut.

Herzlichen Gruß
Evaristo

Ich hab manchmal etwas gelächelt......

Verfasst: Mi 03 Apr 2019 11:25
von ThomasFF
... vor allem bei der Story mit dem komplizierten Stromdings......

Re: Zurück aus Lateinamerika

Verfasst: Mo 15 Apr 2019 12:51
von Leerkabinen-Wolfgang
Hallo lieber Stefan,

auch von mir ein herzliches Dankeschön für Deinen Bericht. Du hast ja immer mal wieder - nicht zuletzt auf diversen Leerkabinen-Treffen - von Deinen guten Transit-Erfahrungen geschrieben und gesprochen. Die Zusammenfassung jetzt ist echt hilfreich!

Auch der Hinweis auf diverse Basisfahrzeuge kann ich nur bestätigen: sowohl jetzt gerade in Costa Rica als auch in einigen asiatischen Ländern gibt's anscheinend fast nur asiatische Fahrzeuge...

Viele Grüße
Leerkabinen-Wolfgang

Re: Zurück aus Lateinamerika

Verfasst: Di 16 Apr 2019 18:49
von Canoe
Jetzt ist der Transit verkauft. Die nächsten Winterreisen gehen nach Down Under. Da werde ich mieten. Für den Sommer habe ich jetzt nur noch den F 150 mit Hubdachkabine. Mit dem geht es im Sommer quer durch den Kontinent von Vancouver nach Nova Scotia und durch die USA zurück. In Bodenheim werde ich vermutlich vorbeischauen, aber ohne Womo, da ich in D. keines mehr habe.
Gruß Stefan